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REINKARNATION

 
 
   

Vor einiger Zeit warb eine amerikanische Brauerei für ihr Bier mit dem Slogan: "Genieße das Leben - Du lebst nur einmal!" Dies ist eine Variante des carpe diem - "Nutze den Tag", ein Ausdruck des Glaubens, dass es kein Morgen gibt, dass nach diesem Leben alles vorbei ist. Stimmt das? Leben wir nur einmal? Oder doch mehrmals? Absolvieren wir vielleicht einen Kreislauf von vielen Leben?

Als Reinkarnation bezeichnen wir die Überzeugung, dass wir nicht nur ein Leben, sondern viele haben -

in der Tat Leben auf Leben, und zwar hier auf Erden. Die Reinkarnation beinhaltet den Glauben, dass unser derzeitiges Leben nicht unser erstes ist, und dass beim körperlichen Tod ein Teil von uns ohne diesen physischen Körper weiterexistiert, bis dieser Teil zur physischen Erde und in einen neuen, sich entwickelnden Körper zurückgezogen wird, um einen weiteren Lebenszyklus zu beginnen. Auf diese Weise er-leben wir ein Leben nach dem anderen, machen Erfahrungen, lernen, sterben, bis unser Erdenlauf beendet ist und wir alle Weisheit erworben haben, die unsere Seele beschlossen hat zu erfahren.

In seinen verschiedenen Formen ist der Glaube an die Reinkarnation geographisch wie historisch weit verbreitet.

Diese Formen sind, oft unabhängig voneinander, in vielen Kulturen entstanden, die durch viele Tausende von Meilen und viele Jahrhunderte getrennt waren. Die Reinkarnationslehre ist der Eckstein vieler asiatischer Religionen - des Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Sikhismus, Zoroastrismus, des tibetischen Vajrayana, des japanischen Shintoismus und des chinesischen Daoismus. Ähnliche Vorstellungen finden sich in historisch, geographisch und kulturell weit auseinanderliegenden Gruppen, etwa bei mehreren afrikanischen Stämmen, nordamerikanischen Indianern, vorkolumbianischen Kulturen, polynesischen Kahunas, Anhängern brasilianischer Umbandareligionen, Galliern und Druiden. Im alten Griechenland hingen mehrere wichtige Schulen dieser Lehre an, darunter die Pythagoreer, die Orphiker und die Platoniker. Der Reinkarnationsgedanke wurde von den Essenern, den Pharisäern, den Karäern und anderen jüdischen und halbjüdischen Gruppierungen gutgeheißen. Er war auch eine wichtige Komponente der kabbalistischen Theologie des mittelalterlichen Judentums. Diese Liste wäre nicht vollständig, wenn man nicht die Neuplatoniker und die Gnostiker und aus neuerer Zeit die Theosophen, Anthroposophen und etliche Spiritisten noch erwähnen würde.

Obwohl der Glaube an die Reinkarnation im modernen Christentum verpönt ist, gab es ähnliche Vorstellungen auch unter den frühen Christen.

Laut Hieronymus (340 - 420) erhielt die Reinkarnation eine esoterische Auslegung, die an eine ausgewählte Elite weitergegeben wurde. Wie es scheint, war der Glaube an die Reinkarnation ein integraler Bestandteil des gnostischen Christentums, am besten bekannt aus den 1945 in Nag Hammadi gefundenen Schriftrollen. In dem gnostischen Text namens "Glaube - Weisheit" oder Pistis Sophia (1962) belehrt Jesus seine Jünger darüber, wie Verfehlungen in einem Leben sich ins nächste fortpflanzen.
Der berühmteste christliche Denker, der über die Präexistenz der Seelen und über Weltzyklen spekulierte, war Origines (186 - 253), einer der größten Kirchenväter aller Zeiten. In seinen Schriften, vor allem in dem Buch De Principiis ("Von den Prinzipien") brachte er seine Ansicht zum Ausdruck, dass sich bestimmte Schriftstellen nur im Lichte der Reinkarnation erklären ließen. Seine Lehren wurden vom 5. Konzil in Konstantinopel, einberufen vom Kaiser Justinian im Jahre 553, verdammt und zur Irrlehre erklärt.

Ein so weltweiter Glaube ist bemerkenswert und bedarf einer Erklärung.

Natürlich könnten wir auf den Gedanken kommen, dass die Menschheit einer Selbsttäuschung unterliegt, dass unsere Furcht vor dem Nichts uns kollektiv zu dieser umfassenden Täuschung verleitet hat. Dann wäre unser Glaube an ein Überleben nach dem Tod ein Abwehrmechanismus, der uns gegen die unerfreuliche Aussicht des Verschwindens im Nichts schützt. Andererseits könnten wir uns zu der Einsicht entschließen, dass etwas, das zu allen Zeiten von allen Völkern geglaubt wurde, möglicherweise richtig ist. Vielleicht habe die Menschen einen kollektiven Eindruck von der Wirklichkeit - haben ein Wissen erworben, das nicht auf unsere normalen Sinneswahrnehmungen zurückgeht - und dieser Eindruck, dieses Wissen wird in dem weitverbreiteten Glauben unserer Mitmenschen deutlich, dass wir auf irgendeine Weise die Erfahrung des Todes überleben. Die Schlussfolgerung des Weiterlebens nach dem Tode ist mindestens ebenso logisch wie die Annahme, die gesamte Menschheit sei einer gigantischen Massentäuschung verfallen.

Doch die Reinkarnationslehre ist kein "Glaube" im üblichen Sinne des Wortes, sprich ein unfundierter und willkürlicher theoretischer und emotionaler Standpunkt, der von keinerlei Fakten gestützt wird.

Für die Hinduisten, Buddhisten, Daoisten und andere Gruppen, die in ihr einen wichtigen Teil ihrer Religion erblicken, ist die Reinkarnation keine Glaubenssache. Sie ist eine eminent empirische, also allein die Erfahrung als Erkenntnisquelle gelten lassende, Angelegenheit, die auf ganz bestimmte Erfahrungen und Beobachtungen basiert.

Gleiches gilt für aufgeschlossene und sachkundige westliche Bewusstseinsforscher.

Sie sind keineswegs naiv, ignorant und mit der philosophischen Position und Weltanschauung der materialistischen Wissenschaft nicht vertraut, wie ihre Kritiker so gern behaupten. Viele dieser Forscher haben eine solide Ausbildung genossen und haben sich sehr um die Wissenschaft verdient gemacht. Ihr Standpunkt hat den Grund, dass sie wichtige Beobachtungen über Reinkarnation gemacht haben, für die ihre akademische Ausbildung ihnen keine zureichende Erklärung bieten konnte.